Auschwitz darf nicht vergessen werden
Teltow gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus am VVN-Mahnmal/Junge Menschen wissen zu wenig von der Vergangenheit
„Die Toten mahnen“ – steht auf der schlichten hohen Steinstele in der kleinen Grünanlage an der Potsdamer Straße Ecke Sandstraße. Vier kleinere Pfeiler säumen das Mahnmal und zitieren Rosa Luxemburgs Worte an die Toleranz: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“. Diese unscheinbare Anlage interessiert in der Regel kaum die Passanten, die dort vorbeigehen, um in die Altstadt zu gelangen. Anders am 27. Januar. Am offiziellen deutschen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus haben sich vor dem Mahnmal etwas mehr als zwanzig Menschen versammelt, um Kränze sowie Blumengebinde niederzulegen und in einer anschließenden Schweigeminute still der Opfer zu gedenken.
Unter den Anwesenden waren Teltows Erste Beigeordnete Beate Rietz, Stadtverordnete, Verwaltungsmitarbeiter, SPD-Landtagsabgeordneter Sören Kosanke, BürgerInnen und Zeitzeugen. Vor dem Hintergrund der rechtsextremistischen Zwickauer Terrorgruppe und deren jahrelanger Gräueltaten, zeige sich, „dass das Geschwür Neonazismus lebendig ist“, so Berndt Längrich, der Vorsitzende der Teltower Stadtverordnetenversammlung in seiner Rede. „Von daher wird es noch lange notwendig sein, zu gedenken und zu mahnen, die Erinnerung wach zu halten und den Lernprozess für diese gesellschaftlichen Vorgänge mit Leben zu erfüllen.“ Doch wie funktioniert lebendige Erinnerung in der heutigen Zeit? Darüber müssen wir uns alle Gedanken machen. Das forderte Norbert Katz. Der 86-Jährige ist Zeitzeuge. Mit 19 Jahren kam er in ein Außenlager des KZ Buchenwald, das er 1945 durch die Befreiung glücklicherweise überlebte. Norbert Katz weiß, was am 27. Januar vor genau 67 Jahren passierte. An diesem Tag befreite die Rote Armee das größte Vernichtungslager der Deutschen im „Dritten Reich“. In Auschwitz-Birkenau fanden 1,1 Millionen Menschen einen gewaltsamen Tod. Auschwitz – ist gleichsam zum Synonym für den Holocaust, für den Massenmord an den Juden, geworden. Der Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz wurde 1996 auf Initiative des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog offizieller deutscher Gedenktag. Die Vereinten Nationen erklärten den 27. Januar im Jahr 2005 zum internationalen Holocaust-Gedenktag.
Gedenktage sind schön und gut. Aber was wissen heute die jungen Menschen über die deutsche Vergangenheit? Erschreckend wenig, wie eine zwei Tage vor dem offiziellen Gedenktag veröffentlichte Umfrage des Forsa-Instituts im Auftrag des Magazins „Stern“ ergab: Jeder fünfte Deutsche unter 30 kenne Auschwitz nicht. Fast jeder dritte Deutsche (31 Prozent) weiß nicht, dass Auschwitz in Polen liegt. Diese Nachricht erschreckte Norbert Katz. „Das muss uns heute zu denken geben“, sagte er. Auch wenn in der Bevölkerungsgruppe der über 30-Jährigen nach der aktuellen Umfrage 95 Prozent mit Auschwitz etwas anfangen könne, so hätten fast die Hälfte (43 Prozent) der Deutschen noch nie eine KZ-Gedenkstätte aufgesucht. Diese traurige Entwicklung hin zum Vergessen des Unvergesslichen, muss aufgehalten werden, war den Reden von Norbert Katz und Berndt Längrich gleichermaßen zu entnehmen. „Jede Aufklärung über Rechtsextremismus muss mit dem Alltagswissen und den Alltagserfahrungen der Menschen verbunden sein, um einen langfristigen Effekt zu erzielen“, schlägt etwa Berndt Längrich vor. Norbert Katz sieht die Schulen stärker in der Pflicht, um junge Menschen zu erreichen. Anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar hat die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) mehr als 200 Erinnerungsorte wie Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren in einer Datenbank zusammengetragen, die im Internet unter www.bpb.de/erinnerungsorte abrufbar sind. Damit möchte die bpb anregen, die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in die historisch-politische Bildungsarbeit einzubeziehen.
An einer klassischen Gedenkveranstaltung mit Kranzniederlegung wie jedes Jahr im Teltower VVN-Ehrenhain und vielen anderen Orten in Deutschland nehmen in der Regel nur die älteren Bürger teil. Und wer weiß heute schon, was hinter dem Kürzel VVN steht, das dem Denkmal seinen Namen gibt? Mit der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ werden wohl auch viele der über 30-Jährigen kaum etwas anfangen können. Es ist nicht so einfach mit lebendiger Erinnerungskultur.
Text/Foto: Jana Wierik

